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22.5.2018 
In Memoriam

Professor Dr. med. Hermann Doose

Hermann Doose verstarb am 23. April 2018 nach kurzer Krankheit im Alter von 90 Jahren. Für seine Familie, Freunde und Kollegen ist dies ein großer Verlust. Er war ein Gründungsmitglied der Gesellschaft für Neuropädiatrie und ein international renommierter Kinderneurologe und Epileptologe. Seine Arbeiten, im Bereich der Epilepsiegenetik und der Genetik epileptogener EEG-Merkmale, fanden international Anerkennung und machten ihn zu einem der renommiertesten Epileptologen seiner Zeit. Sein Name bleibt untrennbar mit der von ihm erstmals beschriebenen myoklonisch-astatischen Epilepsie verbunden, die international als Doose-Syndrom bezeichnet wird.

Hermann Doose wurde am 09. September 1927 in Lübeck als der Sohn eines Chirurgen und einer Gynäkologin geboren. Dort besuchte er das örtliche Gymnasium, bis er im Alter von 16 Jahren als Flakhelfer im letzten Kriegsjahr eingezogen wurde. Durch einen glücklichen Umstand – er fiel bei einer Rangelei vom Geschütz und brach sich ein Bein – blieb er der einzige Überlebende der Geschützbesatzung. Er studierte Medizin in Kiel und in Freiburg und schloss hieran Ausbildungsjahre in der Pathologie und der Physiologie an, bevor er sich letztlich der Pädiatrie zuwandte. In der Pädiatrie interessierte er sich schnell für die Neurologie und bald darauf auch für die Epileptologie. Er leitete das EEG-Labor in Kiel und habilitierte sich 1963 über das „Spektrum der Petit-Mal-Epilepsie im Kindesalter“.

Herr Professor Doose war Direktor der Klinik für Neuropädiatrie in Kiel von 1975 bis zu seiner Emeritierung 1992. Damals war die medikamentöse Therapie der Epilepsien ein langwieriges Unterfangen und konnte Monate in Anspruch nehmen. Dies war auf der hektischen Krankenstation einer Universitätskinderklinik für die betroffenen Familien oftmals nur schwer zu bewältigen. Professor Doose gründete daher 1972 das Norddeutsche Epilepsiezentrum in Raisdorf bei Kiel. Hier plante er persönlich den Ausbau der Stationen, Ambulanzen und EEG-Labore bis ins letzten Detail – sprichwörtlich bis zur letzten Steckdose. In den folgenden Jahren konnten dort viele hunderte Kinder von seinem großen Wissen und seinem klinischen Engagement profitieren. Eine große Stärke lag in seiner Empathie für die ganze Familie, die er zusammen mit den Patienten als Einheit betrachtete. Bis zu den letzten Wochen vor seinem Tode erhielt er weiterhin Briefe und Anrufe von ehemaligen Patienten oder deren Familien, die oft über Jahrzehnte mit ihm Kontakt gehalten hatten.

Professor Doose war ein charismatischer und brillanter Lehrer, dem es gelang, viele junge Ärztinnen und Ärzte für das Feld der Epileptologie zu begeistern. So wurde seine „Kieler Schule“ zu einer festen Größe in der Behandlung von Kindern mit Epilepsie in ganz Deutschland. Hermann Doose war aber auch ein Mann mit hohem Selbstanspruch und enormer Begeisterung für sein Fach. Die große Arbeitsbelastung, die er dabei sich selbst und seinen Mitarbeitern auferlegte, konnte manchmal bis an die Grenzen der Belastbarkeit reichen.

Viele seine Veröffentlichungen stammen aus den Jahren vor „PubMed“, so dass es heute nicht mehr möglich ist, die genaue Zahl zu ermitteln. Es müssen jedoch über 250 Arbeiten gewesen sein, bei denen er als Erst- oder Letztautor firmiert. Vor allem in den Jahren von 1965 bis 1998 erschienen maßgebliche Veröffentlichungen aus seiner Feder, die bis heute die internationale Nosographie der juvenilen Absence-Epilepsie (1965), der myoklonisch-astatischen Epilepsie (1970), der frühkindlichen Absence-Epilepsie (1994), sowie der infantilen Grand-Mal-Epilepsie, dem sogenannten Dravet-Syndrom (1998), bestimmen. In den 60iger Jahren des letzten Jahrhunderts begann er ein Lehrbuch zu den Epilepsien im Kindesalter herauszugeben. Dieses Lehrbuch erschien auf seinen expliziten Wunsch hin im Taschenbuchformat, so dass alle Pädiater, die sich mit Epilepsien beschäftigten, in der Lage waren, sein gesammeltes Wissen direkt am Krankenbett zum Einsatz zu bringen. Um eine weite Verbreitung des Buches zu garantieren, bestand er auf einen niedrigen Preis, so dass keiner der angesprochenen Verlage bereit war, das Buch aufzulegen. Die ersten Auflagen erschienen daher im Selbstverlag für eine Schutzgebühr, die vorwiegend die Entstehungskosten deckte. Inzwischen wird das Buch unter dem Titel „Dooses Epilepsien im Kindes- und Jugendalter“ in der 13. Auflage vertrieben.

Hermann Doose war Präsident des Deutschen Zweiges der ILAE (seinerzeit der sogenannten Liga) und der Gesellschaft für Neuropädiatrie. Er erhielt viele Preise. Hierunter sind vor allem zu nennen der „Michael-Preis (1963), der Hans-Berger-Preis (1985) und die Otfrid-Foerster-Medaille (2004). 1975 wurde er von der ILAE zum „Ambassador for Epilepsy“ ernannt. 1974 gründete er den Verein „Hilfe für das anfallskranke Kind“, dessen Aufgabe es ist, durch das Einwerben von Spendenmitteln, die Forschung für epilepsiekranke Kinder zu fördern. Dieser Verein ist bis heute aktiv.

Hermann Doose lässt seine Frau, zwei Kinder und ihre Familien zurück. Seiner Familie, seine Freunde und Kollegen, sowie vielen seiner ehemaligen Patienten wird er als Wissenschaftler und emphatischer Arzt dauerhaft in Erinnerung bleiben.

Prof. Dr. med. Bernd A. Neubauer
Abteilung Neuropädiatrie, Sozialpädiatrie und Epileptologie
Universitätsklinikum Gießen und Marburg – Standort Gießen
und
Prof. Dr. med. Ulrich Stephani
Klinik für Neuropädiatrie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein – Standort Kiel.